Das Konzept der Sozialraumorientierung – einmal kritisch betrachtet

Das Konzept der Sozialraumorientierung (SRO) – in den 1970er Jahren als Fachkonzept für die Soziale Arbeit entwickelt – hat seit den 1990er Jahren auf erstaunliche Weise Karriere gemacht: Es ist in vielfältigen Fachdiskursen präsent und Grundlage vieler kommunaler Entwicklungs- und Reformvorhaben nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Schweiz und – wie das Beispiel Graz belegt – in Österreich.

Bevor es darum geht, Erfahrungen und Erkenntnisse aus den drei Tagen der Fachexkursion nach und in Graz auszuwerten, lohnt es sich meines Erachtens, einige grundlegende Fragen zu stellen: Warum stößt das Konzept der Sozialraumorientierung seit den 1990er Jahren bei kommunalen Akteuren wie auch ihren zivilgesellschaftlichen Partnern auf so großes Interesse? Was genau sind die Erwartungen, die sich an die Umsetzung des Konzepts knüpfen? Und wie sieht es mit Risiken und Nebenwirkungen aus?

Ein großer Teil des Interesses am Konzept der SRO erklärt sich sicherlich aus den wachsenden sozialen Herausforderungen, mit den Kommunen und ihre zivilgesellschaftlichen Partner konfrontiert sind, und mit denen sie nicht nur rasch und wirksam umgehen müssen, sondern denen sie möglichst auch mit präventiven Angeboten begegnen wollen – eine besonders in den großen Ballungsräumen wachsende Zahl von einkommensarmen und sozial benachteiligten Menschen, Stadtgesellschaften, die von Individualisierung und Segregation geprägt sind, Bildungsarmut, die an Teilhabe hindert, demografischer Wandel und anhaltende Zuwanderung, etc.

Kommunen und ihren zivilgesellschaftlichen Partnern kommt eine Schlüsselrolle für die Ausgestaltung der Lebensverhältnisse vor Ort zu. Dem Anspruch, Menschen soziale Teilhabe und eine gute Lebensqualität zu ermöglichen, steht aber eine oftmals sehr schwierige Finanzlage gegenüber. Denn gerade in den besonders herausgeforderten Städten und Regionen haben sich die finanziellen Spielräume tendenziell eher verengt. Dies erhöht den Druck, zu einer möglichst wirkungsorientierten Sozialplanung und Steuerung zu kommen wie auch fach- und verwaltungsübergreifend zu kooperieren und sich zielgerichtet zu vernetzen.

Zugleich ist die Mehrzahl sozialer Herausforderungen vor Ort so komplex, dass sie nicht durch politische Ansagen und einfaches Verwaltungshandeln zu lösen sind. Vielmehr bedarf es des gemeinsamen Wirkens unterschiedlicher Akteure aus Politik, Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen und Initiativen. Voraussetzung dafür sind Zielfindungs- und Aushandlungsprozesse zwischen öffentlichen Akteuren und zivilgesellschaftlichen Partnern, wie sie den methodischen Grundprinzipien des Konzepts der SRO entsprechen.

Das Konzept der SRO bezieht sich auf das Wohngebiet als zentrale Organisations- und Steuerungsdimension, holt damit viele Prozesse, die sich mit der Entwicklung und Ausdifferenzierung der Sozialverwaltung auf unterschiedliche Behörden und Träger verteilt haben, in den konkreten Lebensraum der Adressaten zurück und bearbeitet Themen und Herausforderungen ganzheitlich, statt vielfältige und oftmals unabgestimmte Hilfsangebote zu machen.

Ein wichtiger Faktor für das Interesse am Konzept der Sozialraumorientierung ist schließlich auch in der veränderten Wahrnehmung von der Rolle der Bürgerschaft zu sehen. Bürgerinnen und Bürger kommen im kommunalen Raum nicht länger allein als Adressaten von Entscheidungen oder Empfänger von Leistungen in den Blick, sondern werden als aktive Mitgestalter verstanden. Das Konzept der SRO, das ganz explizit auf eine aktive Erkundung von Willen, Interessen und Bedürfnisse der „Behandelten“ setzt, kommt diesem veränderten Verständnis entgegen.

Ein Blick auf verschiedene Reformprojekte macht deutlich, dass das Konzept der Sozialraumorientierung durchaus unterschiedlich interpretiert und nutzbar gemacht werden kann. Wolfgang Hinte hat mehrfach kritisch angemerkt, dass sich manche Projekte nur auf einzelne Versatzstücke des Konzepts bezögen und viele „kontaminiert“ seien durch kommunale Konsolidierungsnotwendigkeiten.

Welche Fragen an die praktische Umsetzung ergeben sich daraus?

  • Geht es tatsächlich um SRO (im Sinne der fünf Grundsätze) – oder stehen eher Effizienzgewinne und Kostenersparnis im Vordergrund?
  • Geht es um den Anspruch auf soziale Teilhabe als Handlungsauftrag? Sind Wille, Interessen und Bedürfnisse der Anspruchsberechtigten/Adressaten Ausgangspunkt und Fokus für alle Maßnahmen und Angebote im Sozialraum (auch wenn sie unter Umständen – wie W. Hinte es formuliert – sperrig, lästig, störrisch, nicht domestizierbar erscheinen und keinem pädagogischen Plan folgen)? Oder wird den Anspruchsberechtigten/Adressaten eher in erzieherischer Absicht Hilfe angeboten?
  • Geht es darum Lebensbedingungen und Lebensräume so zu gestalten, dass die Menschen dort entsprechend ihren Bedürfnissen zufrieden(er) leben können?
  • Wird der Anspruch einer fach- und verwaltungsübergreifenden Kooperation, Koordination und Vernetzung – möglichst auf Augenhöhe – eingelöst? Oder herrscht nach wie vor eine Zerlegung von Themen/Herausforderungen nach Zuständigkeiten vor? Wie ist das Verhältnis von öffentlichen Akteuren und zivilgesellschaftlichen Trägern?
  • Wird ressourcenorientiert gearbeitet, Eigeninitiative und Selbsthilfe unterstützt? Die Einbindung von Engagierten gesucht und diese adäquat begleitet?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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