Sozialraumorientierung benötigt Zeit!

Ich selbst hatte die Möglichkeit erstmals an einer Studienreise der Bertelsmann Stiftung teilzunehmen.

Ich habe im Zeitraum 1994 – 2011/12 als Leiter der Jugend,- Sozial- und Familienbehörde in der Hansestadt Greifswald gearbeitet. Seit September 2012 bin ich als Beigeordneter der Landrätin und Dezernent für Jugend, Soziales, Gesundheit, Sicherheit und Ordnung tätig. Meine größte Affinität habe ich nach wie vor für den Jugendbereich. Insbesondere geht es mir darum, effiziente und zukunftsfähige Strukturen in der Jugendhilfe in unserem Landkreis zu schaffen, um zu gewährleisten, dass

  1. Keine Leistungs- und Qualitätseinschränkungen
  2. Einen effektiven Mitteleinsatz

erfolgen.

Die Jugendhilfe in Deutschland steht unter ständig steigendem Druck. Wir verzeichnen eine schwindende finanzielle Leistungsfähigkeit der Kommunen (immer weniger Mittel in vielen Kommunen für pflichtige und freiwillige Aufgaben wie Schulsozialarbeit, Jugendsozialarbeit, Sport, Jugendfeuerwehr, Kultur usw.). Auf der anderen Seite haben die fallführenden Sozialarbeiter immer mehr Fälle und Angst vor Fehlern und vor Versagen, was zu juristischen Konsequenzen führen kann.

Darüber hinaus haben sich in vielen Jahren die Träger, die die Maßnahmen im Bereich Hilfen zur Erziehung für die Jugendämter umsetzen, wie Caritas, Diakonie, AWO, ASB etc., zu „Sozialkonzernen“ entwickelt, die versuchen, ihre Interessen gegenüber den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe durchzusetzen.

Das ist in wenigen Sätzen sicher sehr vereinfacht dargestellt, aber das ist die Lage, in der sich die Jugendhilfe in der Bundesrepublik Deutschland befindet.

Mein Landkreis, der Landkreis Vorpommern-Greifswald, ist der drittgrößte Landkreis Deutschlands, mit ca. 240.000 Einwohnern, sehr ländlich geprägt, mit einer Bevölkerungsdichte von durchschnittlich 60 Einwohnern/km² und in der Inanspruchnahme laufender Hilfen. Bei den unter 27-jährigen Jugendlichen liegen wir an der Spitze in unserem Bundesland (s. Statistisches Bundesamt Mecklenburg-Vorpommern).

Durch vielfältige Maßnahmen ist es uns trotz der hohen Fallbelastung gelungen, eine sehr moderate Kostensteigerung von jährlich unter 3% zu erreichen (Bundesdurchschnitt liegt wohl über 9%). Auf Grund dieser Rahmenbedingungen war die Studienreise nach Graz für mich besonders wichtig. Die Einteilung in 4 Sozialräume in der Stadt Graz, die Ausschreibung von Leistungen und Budgets für die Träger, das Zusammenwachsen und die Kooperation von freien Trägern und dem örtlichen Träger der Jugendhilfe ist eine der wenigen Möglichkeiten, um die Jugendhilfe in Deutschland zukunftsfest zu strukturieren.

In Deutschland gibt es bereits im Kreis Nordfriesland ein ähnliches Modell (Inklusive und systematische Hilfen in Nordfriesland), was mittlerweile auch in unserem Bundesland für große Beachtung sorgt. Für mich persönlich war die Idee und Umsetzung der Ausschreibung von Leistungen und Budget die wichtigste Erkenntnis. Diese Verfahrensweise funktioniert tatsächlich bei einem entsprechenden politischen Rückhalt (mehrfach wechselnde Stadträte unterschiedlicher Parteien!).

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass es sich bei der Umsetzung der Sozialraumorientierung um einen Prozess handelt, der einen mehrjährigen Zeitraum in Anspruch nimmt.

Am letzten Tag unserer Studienreise hatte ich die Gelegenheit, an einem Vormittag an einer Sozialraumkonferenz teilzunehmen, in der Leistungserbringer (Träger) und Mitarbeiter des Jugendamtes 4 Fallbesprechungen durchführten. Diese Fallbesprechungen waren für mich Ausdruck dessen, dass das System der Sozialraumorientierung mit all seinen Facetten unter bestimmten Rahmenbedingungen funktioniert. Für mich als Gast in dieser Fallbesprechungsrunde war nicht ersichtlich, wer ist Träger, wer ist Mitarbeiter des Jugendamtes. Zielstellung in dieser Runde war einzig und allein auf das Wohl und die Perspektive des Kindes/Jugendlichen gerichtet.

Folgende Rahmenbedingungen waren für mich Erfolgsgarant bei der Umsetzung und Einführung des Sozialraumkonzepts:

  1. Der Wille der Führung der Jugendbehörde Veränderungen herbeizuführen;
  2. Die Mitarbeiter in diesem Prozess von Anbeginn mitzunehmen;
  3. Der politische Rückhalt auch bei wechselnden Stadträten;
  4. Budgetbildung und deren Ausschreibung;
  5. Konflikte mit den Trägern auszuhalten;
  6. Sich darüber klar sein, dass die Umsetzung des Konzepts ein Prozess ist, der mehrere Jahre dauern kann.

In unserem Landkreis Vorpommern-Greifswald versuchen wir als Modellregion für das ganze Land Mecklenburg-Vorpommern ein ähnliches Vorhaben in Bezug auf die Beratung umzusetzen. Dieser Prozess gestaltet sich sehr schwierig und dauert bislang seit 3 Jahren an. Wir haben bis zum jetzigen Zeitpunkt die meisten Probleme (Widerstände und Einbeziehung der Träger, Budgets und Strukturen) ausräumen können und werden mit unserem Projekt am 01.01.2018 starten.

Ziel ist es, 4 Beratungshäuser im Landkreis einzurichten, in denen die Träger Beratungsangebote in den Bereichen

  • allgemeine soziale Beratung;
  • Schuldner- und Verbraucherinsolvenzberatung;
  • Ehe-, Familien- und Lebensberatung;
  • Sucht- und Drogenberatung;
  • Migrationsberatung;
  • Beratung von Menschen mit Behinderungen;
  • Beratung für sexuelle Gesundheit und Aufklärung

zur Verfügung stellen.

Jedes Beratungshaus erhält ein Budget. Die Träger werden verpflichtet Parallelstrukturen aufzugeben, zu kooperieren und haben jeweils eine Planungssicherheit von 4 Jahren.

Abschließend möchte ich mich noch einmal ausdrücklich für die hervorragende Organisation und Begleitung durch die Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung bedanken.

 



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