Deutscher Verein für öffentliche und private Fürsorge

Zweiter Engagementbericht der Kommission, Kommentar zu Flüchtlingspolitik

Vor ein paar Wochen wurde der zweite Engagementbericht veröffentlicht. Der deutsche Verein für öffentliche und private Fürsorge hatte mich nun eingeladen, das Kapitel zum Engagement im Umfeld von Flucht auf einem Workshop in Berlin zu kommentieren.

Rund 50 Leute sind gekommen, aus Politik, Verwaltung, Spitzenverbänden, Wohlfahrtsverbänden, Akademien, Stiftungen. Herr Prof. Klie und Herr Prof. Evers berichteten. Viele andere kommentieren.

Ich muss gestehen, dass ich mich schwer getan hatte, zuzusagen. Nur ein Kapitel zu lesen, fand ich nicht angemessen, aber der ganze Bericht umfasst mehr als 600 kleingedruckte DIN A4 Seiten. Mehr als eine abendfüllende Beschäftigung. Und er war erst drei Wochen vor der Veranstaltung überhaupt zugänglich, kurz vor Ostern. Nun denn, ich habe ihn gelesen – und es ist kaum möglich, diese Fülle sehr unterschiedlicher Aspekte und Ansätze als Ganzes zu kommentieren. Ich fand darin viel Bekanntes wieder, aber auch einige neue Ideen. In vielen Punkten stimme ich überein, aber es fehlt meines Erachtens an einer Engführung. Der Bericht ist einfach am Ende zu voll, zu vielfältig, um klare Empfehlungen abzuleiten. Die Stellungnahme der Bundesregierung behandelt entsprechend nur an wenigen Stellen einen Umgang mit Vorschlägen. Es dominieren vielmehr die Ausführungen zu bereits laufenden Programmen, die benannte Herausforderungen adressieren.

Für meinen Kommentar habe ich daher nur wenige Punkte aufgenommen – auch, weil ich am Ende nur fünf min hatte, sie darzustellen. Hier eine kurze Widergabe:

Unterstützen kann ich vor allem den von der Kommission vorgeschlagenen Ansatz, die Sicht auf Engagement zu weiten. Also z.B. nicht nur auf das „bürgerschaftliche“ Engagement oder das Ehrenamt in Organisationen zu fokussieren, sondern auch nachbarschaftliche Hilfen und spontane Unterstützung in den Blick zu nehmen. Diese Bereiche werden zu wenig begutachten, insbesondere wenn es um das Engagement von Zugezogenen aber auch von Frauen oder Jugendlichen geht. Für die Förderung von Engagement ergibt sich dadurch die Empfehlung, Maßnahmen offener und zielorientierter zu gestalten, da derzeit viele Programme nur bestimmte Formen und nur bestimmte Strukturen fördern. Nicht so Ideal finde ich hingegen den Oberbegriff Engagement als Abgrenzung zu professioneller Arbeit. Es suggeriert, dass jemand, der etwas beruflich tut, nicht engagiert ist und das ist sicher nicht intendiert. Prof. Roland Roth hat dazu auf dem Workshop den Vorschlag gemacht, statt Engagement, freiwillige Tätigkeit als Oberbegriff zu nehmen. Das finde ich schon besser. Zu den „beiden Seiten des Engagements“ im Bereich Flucht (Willkommensinitiativen auf der einen, Pegida, AfD etc. auf der anderen) schlägt die Kommission eine stärkere zivile öffentliche Auseinandersetzung vor. Auch dazu kann ich nur zustimmen, würde allerdings dazu raten, die Frage des Umgangs mit Geflüchteten nicht gesondert zu debattieren sondern mit der Frage nach sozialer Ungleichheit zu verknüpfen. So zeigt sich oftmals realer oder befürchteter sozialer und ökonomischer Abstieg als wesentlicher Grund für Frust, Angst und Ablehnung. Deutschland hat hier vor allem aus der Wendezeit viel aufzuarbeiten, sie hat viele „Verlierer“ geschaffen und die soziale Schere ist weiter auseinander gegangen. Im Kontext unseres Projekts begrüße ich vor allem die Beschäftigung der Kommission mit der Frage nach dem Verhältnis und der Zusammenarbeit zwischen Engagierten, freien Trägern, Verwaltung und Unternehmen. Die Kommission schlägt hierzu eine Öffnung vor, ein „demokratisches Experimentieren“ in den Kommunen, um neue Wege der Zusammenarbeit zu entwickeln. Gleichsam weist Sie aber auch auf ein „konzeptionelles Dilemma“ für die Kommunalverwaltung hin, denn Sie muss kostengünstig Leistungen bereitstellen, soll Engagierte jedoch nicht dafür einspannen. Genau dies erleben auch wir im Projekt vielfach. Die kommunalen Angebote haben zahlreiche Lücken, 2015 wurden diese in der Unterstützung der Geflüchteten deutlich sichtbar. Freiwillig engagierte haben hier vielfach kommunale Aufgaben übernommen, Geflüchtete versorgt und willkommen geheißen. Das kann und sollte jedoch nicht zur Regel und nicht auf andere Bereiche übertragen werden. Wir müssen uns also die Verhältnisse genauer anschauen und ordnen.

Ich bin dankbar für den Bericht und diesen Workshop und die vielen anderen Kommentare und Beiträge, die ich hier nicht alle wiedergeben kann. Ich denke, es sind wichtige Themen. Ich würde mir jedoch oftmals wünschen, es würde nicht alles auf einmal diskutiert sondern lieber wenige Fragen, die in konkrete Lösungen münden.



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